#GrüneDebatte17

Die Kinder sind schuld

Natürlich sind die Kinder schuld. Meine Tochter kam im Mai 1987 zur Welt, und wie es sich herausstellte, vertrug sie Muttermilch nicht so gut. Also gingen wir in den Laden um Ersatzmilch zu kaufen. Das heisst, wie versuchten es, aber die Gestelle waren leer. Zum ersten und (bisher) letzten Mal in meinem Leben erlebte ich Hamsterkäufe. Die Wolke von Tschernobyl war ein Jahr und einen Monat nach der Explosion des Atomkraftwerks bei uns angekommen, oder zumindest die Angst davor. Das hat mich tief beeindruckt.

Die Kinder waren es dann auch, die mich dazu brachten, den für mich widernatürlichen Schritt eines Parteibeitritts zu machen. Ich bin politisch ein Kind der 1980er-Bewegung, Parteien waren uns ein Gräuel, unser Ding war, aus dem Staat Gurkensalat zu machen. In der Stadt Zürich kostete das innerhalb weniger Jahre einem halben Dutzend Jugendlicher das Leben – durch Polizeigewalt, die Drogentoten der Folgejahre noch nicht eingerechnet. Ernsthafter Grund genug für Gurkensalat. Oder zumindest für ein paar zerdepperte Scheiben.

Aber eben. Die Kinder wurden gross und schulpflichtig, Zeit für mich, mich via Schulpflege politisch einzumischen. Und weil man das mit Vorteil bei uns über eine Partei macht, trat ich den Grünen bei. Das waren die Nettesten, Stichwort: Willkommenskultur. Und schon bald war ich Chef. Und Schulpfleger. Und Apparatschik. Und was soll ich euch sagen: Es gefällt mir. Und ich war nicht der Einzige? Der heutige Polizeivorsteher der Stadt ist ein alter Freund von mir von der Gasse. So geht das. Wir sind angekommen. Höchste Zeit also, ein paar Dinge in Frage zu stellen.

Warum die Grünen? Welche Frage! Ich stelle sie mir beinahe jede Woche. Und die Antwort wird immer klarer und ist, gerade in einer Zeit wie der heutigen brandaktuell: Die Grünen sind die einzigen, welche das zentrale Thema der Politik von Anfang an richtig behandelten und immer noch behandeln: die Umverteilung. Und mit «richtig» meine ich: in die richtige Richtung. Die zentrale Forderung der nachhaltigen Entwicklung ist nämlich Gerechtigkeit. Gerechtigkeit, verstanden als Grundsatz und Prinzip, wie die «opportunities people face», wie das die Weltbank in ihrer Nachhaltigkeitsdefinition formuliert, richtig verteilt, bewahrt und gefördert werden können. Darum geht es: Möglichkeiten. Spielräume. Entwicklung. Chancen. Gutes Leben. Zukunft. Für die Kinder, aber auch für alle Völker. Jetzt und morgen. Und dazu braucht es einen Ausgleich. Und da der nicht automatisch kommt, müssen wir politisch dafür sorgen.

Die Grünen sind die einzigen, welche das zentrale Thema der Politik von Anfang an richtig behandelten und immer noch behandeln: die Umverteilung.

Zweitens, und das ist nun entscheidend, sind die Grünen aber auch die einzigen, die, wie ich das als naturwissenschaftliche Flasche formulieren möchte, dabei die Physik beachten: Die Ressourcen, um die es im Kern geht und die wir gerecht verteilen müssen, sind allesamt endlich: Wasser, Nahrung, Raum, Natur. Ihr könnt jetzt schon staunen, aber es gibt ja nicht wenige, die behaupten, das seien alles unerschöpfliche Güter, weil die unsichtbare Hand des Marktes über uns wacht und ordnend eingreift und die Knappheit im Griff habe. Der ganze Rest der Menschheit behauptet das vielleicht nicht, benimmt sich aber so. Wir aber wissen: Unendlich sind nur die von der Ökonomie, der Politik und von den (Markt-)Gläubigen dieser Welt vernachlässigten Ressourcen wie etwa Solidarität, Zusammenarbeit, Bildung, Grundrechte.

Und ihr staunt vielleicht schon wieder. Ein Grüner, der nicht zuerst von Fröschen, Bäumen und Artenvielfalt spricht? Ja, das ist so, denn das alles sind «opportunities», die wir nur erhalten können, wenn wir das mit der Gerechtigkeit, beziehungsweise mit einer gerechten Verteilung hinkriegen. Die Natur kann auch ohne uns, wir sind dagegen zuständig für Menschen, für Gesellschaften und Volkswirtschaften, Regeln und Ideologien, kurz: für die Politik. Und von Geld reden wir schon gar nicht, denn wir alle wissen, dass man Geld nicht essen kann.

Wir Grünen ertragen Niederlagen stoisch, denn wir wissen, dass sich unsere Ideen, wenn auch mit etwas Zeitverzögerung, immer durchsetzen.

Umverteilung also. Zwischen den Staaten, und innerhalb von Staaten zwischen den Schichten, oder wie das ja modern heisst: Milieus. Zwischen Arm und Reich, Alt und Jung, Gebildeten und weniger Gebildeten, Entwickelten und so genannt Unterentwickelten. Wir müssen Gräben zuschütten, vom „Digital Divide“ bis zum Röstigraben. Ungleichheit ist das grösste Übel auf der Welt, sie ist ungerecht, dumm und teuer, sie ist Ursache und Folge zugleich von Ausbeutung, und sie ist immer wieder ein Kriegsgrund. Auch beim Krieg gegen die Natur: Ja, wir haben nur einen Planeten, aber die Aufgabe daraus lautet nicht einfach, ihn jetzt zu erhalten, sondern ihn gerecht zu nutzen und ihn so langfristig zu erhalten.

Und damit zu den Bedürfnissen. Was ich bisher ausgeführt habe, ist meilenweit vom Alltag der Menschen hier und anderswo entfernt. Sie wollen nicht abstrakte Gerechtigkeit, sie wollen etwas zu essen, ein Dach über dem Kopf, einen Job, Schulbildung und ein bisschen Alterssicherheit. Und wenn sie in der Schweiz leben, dann wollen sie noch Mobilität, tiefe Preise, billigen Strom, aber auch gesundes Essen, grüne Landschaften, lebenswerte Städte und Service Public für alle. Aber leider haben sie, vor allem bei uns, vergessen, dass das alles nicht einfach so kommt, sondern dass man dafür kämpfen muss. Immer wieder, und immer wieder von Neuem. Und auch die Ängstlichen unter ihnen haben vergessen, dass all diese Dinge nicht selbstverständlich sind, sondern dass man dazu etwas absolut Zentrales umverteilen muss: die Macht. Dafür muss man halt auch einmal laut werden. Zwar nicht unbedingt Scheiben zerdeppern, aber etwas von der Macht reklamieren. Und dazu muss man Mehrheiten bilden.

Wir müssen den Gierigen dieser Welt die Macht wegnehmen und ihnen klarmachen, dass Solidarität wichtiger ist als ein Zweitauto.

Als Grüne sind wir schon immer eine Minderheit gewesen, so wie wir auch schon immer Teil der Zivilgesellschaft waren. Wir ertragen Niederlagen stoisch, denn wir wissen, dass sich unsere Ideen, wenn auch mit etwas Zeitverzögerung, immer durchsetzen. Eine Mehrheit zu haben, ist in der Demokratie natürlich unabdingbar, aber es muss nicht immer sofort sein. Wir Grünen sind ebenso stark darin, den Knebel weit weg zu werfen und den anderen dabei zuzusehen, wie sie ihm hinterherrennen. Wir sind stoisch, weil wir die Physik auf unserer Seite wissen, und weil wir sicher sind, dass die Gerechtigkeit eine taugliche Grundlage für unsere Politik ist, heute, aber auch noch morgen. Das ist unsere Art, mächtig zu sein, und das ist der Grund, warum ich mir auch langfristig keine Sorgen um die Grünen mache.

Was ist also zu tun? Es ist unsere Aufgabe, dafür zu sorgen, dass die Ressourcen, materielle wie immaterielle, allen Menschen fair zukommen. Wenn wir das erreicht haben, werden wir vermutlich merken, dass es bei den materiellen Gütern nicht für alle reicht, denn wie Gandhi sagte, ist die Welt zwar gross genug für jedermanns Bedürfnisse, aber nicht für jedermanns Gier. Daher müssen wir vermehrt die Wichtigkeit der nicht materiellen Güter betonen, allen voran die Bildung, welche die Chancen der Milieus bestimmt, sowie die Solidarität zwischen den Milieus und den Generationen. Und daher müssen wir den Gierigen dieser Welt die Macht wegnehmen und ihnen klarmachen, dass Solidarität wichtiger ist als ein Zweitauto. Das ist nicht immer nett.

Aber lohnenswert.

 

Markus Kunz
Markus Kunz hat in Zürich Germanistik, Philosophie und Geschichte studiert. Er arbeitete in verschiedenen Berufen und ist heute Dozent für Nachhaltige Entwicklung an der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften. Seit 1991 ist er bei den Grünen. Als ehemaliger Präsident der Grünen Stadt Zürich ist er eine prägende Figur für die Zürcher Grünen. Er war in der kantonalen und nationalen Geschäftsleitung der Grünen aktiv und sitzt seit 2012 im Gemeinderat der Stadt Zürich.

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