#GrüneDebatte17

Kompromisse statt Zeigefinger

Mein Interesse an der Politik begann schon sehr früh. Mit zwölf Jahren beschäftigte mich, angeregt vom „WWF-Jugendbuch“, die Situation der Umwelt. In der zweiten Hälfte der 1970er-Jahre war die Anti-AKW-Bewegung mit voller Kraft unterwegs, und auch der geplante Bau einer Autobahn durch das Simmental (Rawiltunnel) wollte mir gar nicht in den Kopf. Ich begann mich zu engagieren, Unterschriften zu sammeln. Ich glaube, es war im Jahr 1977, als ich an meiner ersten Kundgebung teilnahm –„10 Jahre Baustopp für alle AKW“. Für einen Berner Bub war das natürlich ein Leichtes, die nationale Kundgebung fand sozusagen vor der Haustüre statt. Die IG Velo wurde gegründet, der VCS, und bald schon entstand eine starke Friedensbewegung. Im zarten Alter von 16 Jahren schrieb ich eine Broschüre über die schädlichen Folgen des Autoverkehrs („Das Autozeitalter“).

Schon bald genügte mir die reine, an einem Thema festgemachte Kampagnenarbeit nicht mehr. Meines Erachtens mussten all die guten Ideen dieser Bewegungen – von Umwelt über Menschenrechte und Feminismus bis zur Friedensbewegung – irgendwie miteinander verbunden werden. Ging es doch um die Frage, wie die Gesellschaft der Zukunft aussehen soll. So kam ich zu den Grünen, die es damals ja noch gar nicht gab… Ich engagierte mich in der damaligen „Demokratischen Alternative“ in Bern – einer Gruppe, die mir auf Anhieb gefiel, weil sie keine strengen Strukturen hatte und in ihrer Politik Gewicht auf undogmatische Positionen legte, libertär in ihrer Grundhaltung und nicht sozialistisch orientiert war.

Meines Erachtens mussten all die guten Ideen dieser Bewegungen – von Umwelt über Menschenrechte und Feminismus bis zur Friedensbewegung – irgendwie miteinander verbunden werden.

Die SP oder die POCH wären vielleicht auch in Frage gekommen, das Kollektivistische und stark Organisierte dieser Parteien widersprach aber meiner liberal-libertären Grundhaltung. Woher ich letztere habe – ich weiss es nicht. Die SP war mir zu traditionell. Meine Vorstellung war, dass die neuen Ideen der „alternativen“ Bewegungen irgendwie zu einer gesellschaftlichen Richtung gebündelt werden sollten. Die Gründung der deutschen Grünen beeindruckte mich. Deshalb engagierte ich mich in einem Komitee, welches die damals „frei schwebenden“ grünen und alternativen Parteien zu einer gesamtschweizerischen Grünen Partei zusammenschliessen sollte. Die Versammlungen 1982/83 im Berner Restaurant Casa d’Italia sind mir unvergesslich. Die Diskussionen waren schwierig – und das Vorhaben scheiterte insofern, als 1983 zwei Grüne Parteien – eine „alternative“ und eine „bürgerlichere“, die heutige Grüne Partei der Schweiz – gegründet wurden. Die beiden schied vor allem die Frage der Armee, deren Abschaffung damals als Thema noch ein Tabu war. Diese Spaltung war für mich eine grosse Enttäuschung.

Mein Engagement innerhalb der Grünen ging trotzdem weiter. Im Jahr 1987 wurde ich zum ersten Generalsekretär der Grünen Partei der Schweiz gewählt, was ich bis 1995 blieb. Ich weiss noch, wie auch von Links kritisiert wurde, dass die Grünen einen 22-Jährigen (!) als Generalsekretär wählten. Wie auch immer: Es hat offenbar nicht geschadet – die Grünen gibt es ja heute noch.

Viel Engagement liegt dazwischen – 2006 wurde ich als Vertreter der Grünen Freien Liste in den Berner Regierungsrat gewählt, wo ich noch heute das Amt des Erziehungsdirektors innehabe.

Eine Idee wird erst gut und realisierbar, wenn sie mit den Gedanken anderer Menschen konfrontiert wird, wenn sie sich ändert, öffnet, andere Aspekte berücksichtigt.

Für die Zukunft wünsche ich mir Grüne, die offen sind für gesellschaftliche, wirtschaftliche und technische Entwicklungen. Grüne, die pragmatische Ansätze wählen und nicht denken, ihre Ideen seien die einzig richtigen. Wir sollten in eine klare Richtung gehen („Kompass“), auf diesem Weg aber offen für andere Menschen, andere Meinungen und andere Positionen sein. Eine Idee wird erst gut und realisierbar, wenn sie mit den Gedanken anderer Menschen konfrontiert wird, wenn sie sich ändert, öffnet, andere Aspekte berücksichtigt. Wenn Sie offen ist für das Leben. Ideen werden durch ihre Weiterentwicklung und Ergänzung um andere Aspekte nicht schlechter oder verwässert („faule Kompromisse“), sondern besser, umfassender, lebendig. Das ist für mich das Leben. Und das ist für mich auch gute Politik.

Mich hat einmal ein Journalist gefragt: „Mussten Sie als Regierungsmitglied viele Ihrer Ideale aufgeben?“ Ich konnte ohne Weiteres antworten: „Nein, gar keines“. Ich bin nie davon ausgegangen, meine Ideale einfach eins zu eins in die Realität umsetzen zu können, das wäre auch gar nicht gut so. Der Prozess, überzeugende oder auch „nur“ legitime Ideen und Anliegen der Anderen aufzunehmen und in die eigenen Vorschläge einzubauen, gehört für mich zum Menschsein und zu einer guten Politik dazu.

Ich bin mit der inhaltlichen Grundausrichtung der Grünen immer noch einverstanden. Und ich habe den Eindruck, dass ich in all den Jahren in der Regierung des Kantons Bern immer in diese Richtung gearbeitet habe. Umwelt, freiheitliche Lösungen, den Menschen in den Mittelpunkt stellen, Lösungen nicht über die Köpfe der Menschen hinweg treffen, sondern Betroffene zu Beteiligten machen, sich interessieren dafür, welche Folgen Entscheide für die Betroffenen haben, für die Schwächeren – aber auch für die Staatsfinanzen und die Wirtschaft.

Unser Ziel muss sein, den Menschen Lösungen, Perspektiven und Antworten auf ihre legitimen Fragen zu geben.

Das alles ist letztlich die Grundidee des Konzeptes der nachhaltigen Entwicklung, welche den Prozess, das Ausdiskutieren von Zielkonflikten zwischen den drei Dimensionen Umwelt, Wirtschaft und Gesellschaft in den Mittelpunkt rückt: Es gibt nicht einfach „die“ nachhaltige Entwicklung, die einzige und richtige Lösung, sondern im Mittelpunkt steht der Prozess, das Aushandeln der Lösungen, der Umgang mit den Zielkonflikten zwischen den drei Dimensionen und das Beteiligen der Menschen an der Lösungssuche.

Das hat damit zu tun, die Menschen für voll zu nehmen. Die Menschen wollen nicht bevormundet werden. Das müssen wir nicht nur in den Verfahren berücksichtigen, auch in unserer Haltung zum Lebensstil und den „Schwächen“ – auch den ökologischen – von uns Menschen an sich. Man muss es den Menschen meines Erachtens besser ermöglichen und es ihnen leichter machen, ökologisch zu leben, weniger Auto zu fahren, sich fairer gegenüber dem Süden zu verhalten. Unser Ziel muss sein, den Menschen Lösungen, Perspektiven und Antworten auf ihre legitimen Fragen zu geben. Und nicht den mahnenden moralischen Zeigfinger zu erheben.

Dies gibt den Menschen Zukunftsperspektiven. Zeigen wir, wie sich unser heutiges Leben – mit all den Fortschritten im sozialen, gesellschaftlichen und technischen Bereich – auf verträgliche Art in die Zukunft weiterentwickeln lässt! Das ist für mich Grüne Politik.

Bernhard Pulver
Bernhard Pulver wurde 1965 in Bern geboren. Er studierte Rechtswissenschaften an der Universität Neuenburg. Seine Doktorarbeit schrieb er zum Thema «Diskriminierungsverbot». Seit 2006 ist er Regierungsrat des Kantons Bern und Erziehungsdirektor. Er ist Mitglied der Grünen Freien Liste in Bern und Mitbegründer der Schweizer Grünen. Für ihn machen klare Haltungen und gleichzeitige Offenheit gegenüber anderen Meinungen und Ideen einen guten Politiker aus.

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